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Scheitern als Fundament. Warum ich offen über meine Pleiten rede.

Ich stand selbst auf einer Fail-Night-Bühne, und ich bin als Unternehmer zweimal gescheitert, einmal von außen erzwungen, einmal selbst verschuldet. Warum ich offen darüber rede, was die deutsche Neidgesellschaft damit zu tun hat, und warum ich auf mein Scheitern heute stolz bin.

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One Man Show, alleine gegen den Rest der Welt

Es gibt Abende, an denen Menschen auf eine Bühne gehen und vor einem vollen Saal erzählen, wie sie gescheitert sind. Keine Erfolgsstory, keine geschönte Gründerlegende, sondern die ehrliche Version: das Geschäft, das unterging, der Plan, der nicht aufging, der Moment, in dem nichts mehr zu retten war. Am Ende gibt es Applaus. Diese Abende heißen Fail Nights, und in Deutschland fühlen sie sich fast subversiv an. Denn bei uns ist Scheitern keine Erfahrung, die man teilt. Es ist etwas, für das man sich schämt.

Ich stand selbst schon auf so einer Bühne. Damals erzählte ich von der verpassten Chance mit dem Discobus, einem Konzept, mit dem ich ein nationales Geschäftsmodell hätte aufbauen können, und das ich am Ende habe ziehen lassen. Das war die Sorte Scheitern, über die man noch halbwegs leicht spricht, eine verpasste Gelegenheit. Die härteren Schläge kamen später, und die waren von anderem Kaliber.

Fail Night Gießen 2017, Rednergruppe vor der Event-Leinwand

Fail Night Gießen, 29. Juni 2017. Foto: Consulting Network.

Zwei Pleiten, eine von außen, eine selbst verschuldet

Der erste Schlag kam von außen. Kurz nach Beginn der Corona-Pandemie konnte ich zwei längst geplante Babymessen, BabyNest in Gießen und Kassel, nicht mehr durchführen. Ich durfte nicht. Die Aussteller hatten ihre Stände zu diesem Zeitpunkt längst voll bezahlt, und mit diesem Geld war bereits gearbeitet worden: Werbung geschaltet, Vorleistungen beglichen, Aufbau organisiert. Es lag nicht griffbereit in einer Kasse, um es einfach zurückzuüberweisen. Ich stand vor einer einfachen, brutalen Wahl: mich über eine Privatinsolvenz aus der Verantwortung ziehen, oder jeden einzelnen Aussteller vertrösten und meine Schulden über Jahre selbst zurückzahlen. Ich habe die harte Tour gewählt. Nicht weil sie klüger war, sondern weil ich mit Menschen langfristig arbeiten will und ihnen weiter in die Augen schauen können muss.

Das zweite Mal, später mit meiner Firma Stadt Land Solar GmbH & Co. KG, war die Insolvenz dann tatsächlich meine eigene Schuld. Von außen erzwungen das eine, selbst verbockt das andere. Beides gehört zu mir.

Warum wir mit dem Scheitern so schlecht umgehen

Warum ich das so offen hinschreibe? Weil das Schweigen darüber das eigentliche Problem ist. Wir reden gern davon, dass man aus Fehlern lernt, solange es abstrakt bleibt. Eine Studie der Universität Hohenheim (Andreas Kuckertz, 2.027 Befragte) zeigt es schwarz auf weiß: rund 80 Prozent sehen Misserfolg allgemein als Quelle zum Lernen. Sobald aber ein Unternehmer konkret scheitert, kann nur noch jeder Zweite dem etwas Positives abgewinnen. Über drei Viertel würden einem Gescheiterten zwar eine zweite Chance geben, und trotzdem bleibt das Stigma kleben. Im internationalen Vergleich belegt Deutschland bei der Fehlerkultur in Unternehmen Platz 60 von 61, nur Singapur liegt dahinter.

Dazu kommt etwas, das wir ungern zugeben: Wir sind eine Neidgesellschaft. Den Aufstieg gönnen wir selten ohne Hintergedanken, und beim Absturz schwingt bei vielen eine klammheimliche Genugtuung mit. Es gibt hierzulande mehr Menschen, die Gründern das Scheitern wünschen, als solche, die sie unterstützen, und Schadenfreude gilt als typisch deutscher Reflex. Wo der amerikanische Reflex auf eine Pleite “nächster Versuch” lautet, lautet der deutsche zu oft “hab ich es doch gewusst”.

Genau dagegen arbeiten die Fail Nights und ihre bekanntere Schwester, die FuckUp Nights. In über 250 Städten und 80 Ländern stehen dort Menschen auf und erzählen ihre Pleiten, damit Scheitern endlich als das gesehen wird, was es wirklich ist: ein normaler Bestandteil von allem, was Mut erfordert. Niemand baut etwas Echtes, ohne dabei auch mal gegen die Wand zu fahren.

Was das Scheitern gebaut hat

Was mir meine eigenen Pleiten beigebracht haben, trage ich heute in jedem Projekt mit mir. Sie haben mir die Demut gegeben, nichts mehr für selbstverständlich zu halten. Sie haben mir gezeigt, dass ein starkes Produkt nichts wert ist, wenn Vertrieb, Prozesse und ein solides Fundament fehlen. Und sie haben mir die Lektion eingebrannt, auf der heute meine ganze Arbeitsweise steht: erst das Fundament, dann der Aufbau. Ich baue meine Systeme mit Leitplanken, weil ich aus erster Hand weiß, wie schnell etwas einstürzt, das auf Sand steht.

Und ja, ich bin stolz darauf, gescheitert zu sein. Ohne diese Pleiten würde ich heute nicht da stehen, wo ich stehe, und dürfte nicht das machen, was ich mache. Sie sind kein Fleck auf dem Lebenslauf, sie sind der Boden, auf dem das Heutige steht. Wenn du selbst schon einmal unten warst, unternehmerisch oder anders, dann weißt du, dass dich das nicht kleiner macht, sondern erfahrener. Lass uns aufhören, so zu tun, als ginge echte Arbeit ohne Risiko. Sie geht es nicht. Und die Leute, die das aus eigener Erfahrung wissen, sind oft genau die, mit denen sich am besten arbeiten lässt.

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